Die Sache mit dem Konsent

Immer wieder erleben Frauen sexuelle oder gewaltvolle Übergriffe durch GynäkologInnen.

Seit acht Jahren beschleicht mich dieses unangenehme Gefühl im Wartezimmer meiner Gynäkologin. Jedes Mal, wenn sich die Türe zum Wartezimmer öffnet, schaue ich alarmiert auf – habe Angst, das Gesicht des Mannes zu sehen, der mir vor eben diesen acht Jahren ohne zu fragen, ohne etwas zu sagen, seinen Finger anal eingeführt hat. In diesen acht Jahren habe ich ihn, der die Praxis mit meiner neuen Gynäkologin teilt, vielleicht zwei oder drei Mal wieder gesehen, wenn er eine Patientin aufrief, anlächelte und zur Untersuchung abholte. Und trotzdem fängt mein Herz jedes Mal wie wild an zu klopfen, ich wende meinen Blick schnell ab und hoffe, dass er mich nicht bemerkt und erkannt hat. 

Ich war Anfang Zwanzig, als ich auf der Suche nach einem Gynäkologen die Webseite dieses Arztes empfohlen bekommen hatte. Der Mann war nett, untersuchte mich ruhig und plauderte mit mir. Was er tat, kommentierte er nicht. Aber da es nicht mein erster Besuch in einer gynäkologischen Praxis war, wusste ich, was mich erwartete. Und dann geschah es.

Nach der vaginalen Untersuchung spürte ich plötzlich einen Schmerz am Anus und es nahm mir schier die Luft als mir klar wurde, dass dieser Mann gerade ohne jeglichen Konsent oder Erklärung mit seinem Finger in mich eindrang.

In meinem Kopf war es leer, ich erstarrte – liess die Untersuchung über mich ergehen und flüchtete dann aus der Praxis. Die Erklärungen über meinen Gesundheitszustand sowie den Gruss zum Abschied nahm ich kaum mehr wahr. 

Ich liess das Erlebte sacken, fühlte mich missbraucht, fühlte Scham, wusste, dass so eine Untersuchung nicht in Ordnung war, zweifelte gleichzeitig an mir, zweifelte an meinem Gefühl und ermahnte mich selbst, dass dieser Arzt schon wissen würde, was er tat. Die Stimme in meinem Kopf schalt mich, wegen so etwas ein Drama zu machen. Sie wies mich an, mich zusammenzunehmen, gab mir dennoch die Erlaubnis, zu seiner weiblichen Kollegin, die mit ihm die Praxis teilte, zu wechseln. Dort wurde ich nie wieder so untersucht. Was mein Bauchgefühl nicht besser machte. 

Blinde Flecken

Heute bin ich als Doula Geburtsbegleiterin und in der Geburtsvorbereitung tätig und komme mit vielen Frauen in Kontakt, die mir berichten, dass ihre Grenzen im Rahmen von gynäkologischen Untersuchungen oder auch während der Geburt nicht respektiert wurden. Zu sehen, wie viele Frauen regelrechte Traumata davontragen, dass ohne Konsent einzuholen, Dinge mit ihnen gemacht wurden, macht mich wütend.

Noch nie war der Diskurs über sexuelle Belästigung und Gewalt so alltäglich. Überall auf der Welt sprechen Frauen über ihre Erlebnisse mit Sexismus und gehen auf die Strasse, wenn Vergewaltigungsopfern die Mitschuld an ihrem Trauma gegeben wird. Und doch habe ich den Eindruck, dass wir alle weiter einen blinden Fleck haben, wenn Gewalt unter der Geburt geschieht, wenn Ärzte ihre Grenzen überschreiten, in dem Frauen vor schmerzhaften oder intimen Eingriffen nicht informiert und gefragt werden, oder wenn während gynäkologischen Eingriffen Dinge geschehen, die bei der Patientin ein ungutes Gefühl hinterlassen.

Eine Inbox voller Schmerz und Scham

So beschloss ich, mein eigenes Schweigen zu brechen und darüber zu sprechen, dass mir ein Arzt seinen Finger anal eingeführt hatte und darüber, dass ich bis heute nicht weiss, wie ich diesen Finger deuten soll. Und ich fragte meine meine Community auf Instagram, ob sie ebenfalls übergriffige Erfahrungen im Rahmen von gynäkologischen Untersuchungen oder Behandlungen gemacht hatten.

Spoiler: Sie hatten. 

Noch nie füllte sich meine Inbox so schnell. Auf meinen Aufruf wurde wieder und wieder von anderen Bloggern hingewiesen und so hagelte es Erlebnisse und Geschichten von krassen Grenzüberschreitungen, von Gewalt unter der Geburt, von Gaslighting und von Situationen, in denen sich ÄrztInnen über Patientinnen lustig gemacht oder sie nicht ernst genommen hatten. 

Mit 16 wollte ich mir die Pille verschreiben lassen und bin deshalb zu einer Gynäkologin gegangen. Bei der Untersuchung bemerkte die Ärztin Gebärmutterhalskrebs im 3. Stadium und begann mich diesbezüglich mit Information zu überfluten. In meinem Schock verstand ich kaum, was sie sagte und nahm alles wie durch einen Schleier hindurch wahr. Die Ärztin meinte, dass es wichtig sei, das Gewebe abzuknipsen. Sie drang mit einer Art Greifzange in meinen Körper ein und begann damit, die befallenen Zellen abzunkipsen. Ich war vollkommen unvorbereitet und hatte unglaubliche Schmerzen. Ich bin weinend, verstört, voller Schmerzen und absolut aufgelöst aus der Praxis und wollte nie mehr einen Schritt in eine gynäkologische Praxis setzen. Mir wird erst jetzt klar, wie sehr mich dieses traumatische Erlebnis auch sexuell negativ beeinflusst hat.

Tamara

Ich war vor einigen Jahren bei einem Urologen in einer Klinik zur einer Blasenspiegelung. Ich hatte furchtbare Angst, da ich sowieso in diesem Bereich meines Körpers ziemlich empfindlich bin und so eine Untersuchung bis dato auch nie hatte. Die Arzthelferin hat die Untersuchung vorbereitet, mir alles in Ruhe erklärt und mich etwas beruhigt. Dann kam der Arzt. Er kam schnell und hektisch in den Raum, verbreitete Unruhe, redete kaum und begann direkt mit der Spiegelung. Ich verkrampfte total, weil er mich so überrumpelte und es dadurch immer unangenehmer wurde. Er forderte mich aggressiv auf, mich bitte zu beruhigen und verdrehte die Augen und meinte, er könne so nicht arbeiten. Die Dame versuchte mich zu beruhigen, doch ich konnte mich einfach physisch nicht entspannen und krampfte weiter. Er führte die Blasenspiegelung und die anschliessende Analuntersuchung (um zu prüfen, ob die Schließmuskel funktionieren) quasi gewaltvoll durch. Seit diesem Tag ist für mich jeder Frauenarzt-Besuch ein nervenaufreibender Termin, wo ich im Wartezimmer vor Angst fast in den Ohnmacht falle.

Anonym

Ich hab eine neue Gynäkologin gesucht in Schaffhausen und mir wurde von einer Freundin eine Ärztin empfohlen. Ich ging da hin und sagte ausdrücklich, dass ich ein frisches sexuelles Trauma hatte und deshalb mehr Sicherheit beim Untersuchen wünsche. Ich wollte, dass sie mir erklärt, was sie tut und Konsent bei mir einholt. Die Ärztin hat mich angeschaut, als wäre das ein absolut abgehobener Wunsch. Ich kam mir vor, als wäre das ganze Trauma meine Schuld und als sei ich kompliziert. Sie hat die Untersuchung standardmässig durchgeführt, ohne etwas zu sagen oder nach Konsent zu fragen.

Anonym

Ich brauchte mehrere Tage, um mich durch die Flut an Nachrichten zu arbeiten, dabei emotional stabil zu bleiben und mir zu überlegen, wie ich weiter vorgehen würde. Zudem erhielt ich eine Handvoll Nachrichten von Frauen, die mich aufhorchen liessen, wie die von S. Ackermann: “Ich war das erste mal bei einem Arzt für eine Jahreskontrolle. Alles normal abgelaufen, bis er mir auf einmal – ohne Vorwarnung – den Finger anal reingeschoben hat. Ich hab aufgeschrien, bin so erschrocken. Er meinte dann nur: “Hat man das noch nie bei Ihnen gemacht?” Habe nur mit Nein geantwortet und war nie wieder bei diesem Arzt”. Diese Art von Untersuchung war also nicht nur mir passiert, aber alle Frauen, die mich kontaktierten, hatten diesen invasiven Eingriff als ebenso übergriffig erlebt wie ich. Weiter bekam ich Nachrichten von jungen Gynäkologinnen, die mir erklärten, so niemals untersuchen zu würden.

Wichtigkeit der Kommunikation

Ich kontaktierte die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, kurz SGGG, um mich von offizieller Seite darüber zu informieren, ob diese analen Untersuchungen zu einer normalen Jahreskontrolle dazugehören dürfen. “Früher war das immer Standard und im Studium wurde es uns vor dreissig Jahren auch noch so vermittelt.”, bestätigt mir Thomas Eggimann, Generalsekretär der SGGG meinen Verdacht. Ziel dieser Untersuchung seien Befunde zwischen Vagina und Enddarm wie zum Beispiel infiltrative Endometriose oder auch um tiefe Rektumkarzinome zu finden. Eggimann versteht die Tatsache, dass es mir und einigen anderen Frauen nach dieser Untersuchung unwohl war als Beispiel für die enorme Wichtigkeit der Kommunikation in seinem Fach: “Die Gynäkologie ist intim-invasiv und deshalb sollten die Frauen immer wissen, was passiert bei einer Untersuchung”. Die SGGG hat auf ihrer Webseite ein Merkblatt zum Thema veröffentlicht, auf dem das Verhalten gegenüber PatientInnen klar definiert ist

Bei einer Jahresuntersuchung in der Frauenpermanence hat mich der Gynäkologe zuerst gefragt, wie ich verhüte. Als ich ihm antwortete, mit Kondom zu verhüten, sagte er, ich müsse aber schon aufpassen, “weil er möchte kein weinendes Meitli vor sich sitzen haben, wenn ich schwanger werde”. Ich war 27. Dann sagte er: „Sie können sich hinter der Wand ausziehen, Sie müssen keinen Strip vor mir machen.“ War mir unangenehm, aber ich habe auch nichts gesagt.

Anonym

Ich war bei einem Frauenarzt in Steffisburg. Bei der letzten Untersuchung fragte ich ihn einiges über die Spirale, da ich die Verhütung wechseln wollte. Ich sagte ihm, dass ich Respekt davor habe, die Spirale einzusetzen, da ich viel Schlechtes darüber aus meinem Umfeld gehört habe. Da meinte er nur, meine Kolleginnen sollten sich nicht so anstellen. Der Eingriff dauere ja nur einige Sekunden. Als ich kurz darauf auf dem Stuhl sass für die vaginale Untersuchung und er mit dem Metallteil eindringen wollte, war ich anscheinend etwas angespannt. Da meinte er nur, dass ich mich schon mehr entspannen sollte, so würde das mit der Spirale sowieso nichts werden. Es klang so, als wäre ich die einzige Frau auf der Welt, die nicht genug chillen kann in so einem Moment.

Fabienne

Aufgrund von Blasenentzündung wollte meine Urologin immer mithilfe eines Röhrchens Urin direkt aus der Blase bekommen. Trotz bewusster Entspannung habe ich dabei höllische Schmerzen und mich entschieden, das nicht mehr machen zu lassen. Sie ist seitdem sehr abwertend zu mir und meint ich sei „die, die sich immer so anstellt“. Auch das finde ich einfach übergriffig. Allerdings ist es in jedem Fall mein Körper.

Anonym

In jedem Fall Hilfe holen

Die PatientInnenstelle Zürich empfiehlt in jedem Fall, sich bei Unwohlsein nach einer Behandlung bei ihnen zu melden. Mario Fasshauer erklärt, dass die Stelle solchen Fällen nachgehe. “Wir nehmen in einem sensiblen Erstgespräch die Problematik durch eine medizinisch ausgebildete Fachperson auf. Im Anschluss prüfen wir die Indikation der Behandlung anhand der Schilderungen der PatientInnen. Weiterhin prüfen wir auch formale Aspekte wie beispielsweise den Behandlungsvertrag, die Aufklärung der PatientInnen und die Einwilligung. Die medizinische Beurteilung ist ein Kernelement bei uns.”, so Fasshauer. Ziel der Beurteilung sei immer auch, ob ein strafrechtliches Fehlverhalten vorliege. 

Obwohl mir viele Frauen von offensichtlich übergriffigen Behandlungen berichteten, erstattete nur eine einzige Anzeige. Auch ich hatte kein einziges Mal einen Gedanken daran verschwendet, diese unangenehme Jahreskontrolle auf Fehlverhalten hin abzuklären.

Leider zeigen aktuelle Vorfälle wie das Urteil vom Appelationsgericht Basel, dass das Schweizer Strafrecht Opfer von sexuellen Übergriffen nicht genug schützt.

So erklärt Alexandra Müller von der Frauenzentrale die Tendenz, dass solche Übergriffe bei keinem Gericht landen.

Dennoch rät Müller Betroffenen juristisch gegen Ärztinnen und Ärzte vorzugehen. “Die Hemmschwelle für eine Strafanzeige ist selbstverständlich hoch, aber es ist wichtig, dass man schnell handelt, da Sexuelle Belästigung als Übertretung nach einem Jahr und die Strafe dafür nach drei Jahren verjährt” ,so Müller. Die Frauenzentrale Zürich rät, sich bei Unwohlsein an eine Opfernhilfestelle zu wenden – auch wenn es sich um keinen sexuell übergriffigen Untersuch handelt.

Einige Tage vor der Geburt führte meine Gynäkologin eine Eipollösung durch — ohne jegliche Aufklärung oder Vorwarnung. Im Krankenhaus wurde ich, nachdem ich Cytotec zur Einleitung vehement abgelehnt habe, äusserst respektlos behandelt und war bei Ärzten und Hebammen unten durch. Ich wurde während den Presswehen von der Hebamme ausgelacht, in eine liegende Position gezwungen, gekristellert, und danach ohne lokale Betäubung genäht. Auf der Wochenbettstation wurde ich für den Gewichtsverlust von meinem Baby verantwortlich gemacht, das Stillen wurde mir (auch auf wiederholtes Bitten hin) nie gezeigt, und ich wurde von der Schwestern öfter grob zurechtgewiesen. Furchtbar.

Karin

Meine Niederkunft verlief zunächst ganz toll. Ich erinnere mich, wie glücklich ich darüber war, so gut mit den Wehen zurechtzukommen. Als ich in der Pressphase war, riefen die Hebammen meinen Belegarzt dazu. Er kam herein, machte als erstes das grelle Licht an, gab mir geschäftig die Hand zum Gruss, obwohl ich gerade inmitten einer Presswehe war und befahl sofort, dass man die Glocke bereitlegen sollte. Ich habe nicht verstanden, was gerade passiert. Der Arzt führte mir dieses Vakuum-Dings ohne Vorwarnung ein und riss mir mein Baby aus dem Leib. Auch im Nachgespräch mit der Hebamme konnte mir niemand erklären, ob es nur ansatzweise eine medizinische Notwendigkeit für den Eingriff gab. Die Art und Weise wie dieser Eingriff geschehen ist, hat mir das Vertrauen aber total genommen.

Anonym

Bei der Geburt meines Kindes wurde irgendwann entschieden, dass ich einen Kaiserschnitt brauche. Man bereitete mich in dem OP-Raum vor und ich sagte immer wieder, dass meine Narkose nicht wirklich funktionierte. Man nahm mich nicht ernst. Noch nie habe ich solche Schmerzen gehabt, wie da, als man mir während der Geburt meines Kindes den Bauch aufschnitt.  

Meriam H.

Auch ich beschloss, die Opfernhilfe zu kontaktieren und mich zu erkundigen, was Betroffene tun können, die nicht sexuell übergriffig untersucht wurden sondern andersartige geschlechtsspezifische Gewalt in einem medizinischen Kontext erfahren haben, so eben auch Gewalt unter der Geburt.

Die Opfernhilfe Zürich kann mir keine Antwort geben, und teilt mir mit, dass ihnen kein einziger Fall der Gewalt unter der Geburt bekannt ist. Kein einziger.

Viele meiner Klientinnen engagieren mich gerade deshalb als Geburtsbegleiterin, weil sie ihre vorherigen Geburten als traumatisch erlebten – teilweise eben auch, weil in den Spitälern Dinge geschehen, welche von den Frauen als gewaltvoll erlebt werden. Immer wieder mache ich aber die Erfahrung, dass die Erlebnisse dieser Frauen abgewertet und die Eingriffe gerechtfertigt werden – als dürften die Grenzen einer Frau mit Wehen einfach niedergemäht werden.

Fehlendes Bewusstsein über Gewalt unter der Geburt

Dass aber die Opfernhilfe in Zürich noch nie mit einem solchen Fall zu tun hatte, schockierte mich. Im vergangenen Jahr hat die Berner Fachhochschule eine Studie veröffentlicht, die aufzeigt, dass mindestens jede vierte Frau von informellem Zwang unter der Geburt betroffen ist, was etwa 20’000 Frauen in der Schweiz pro Jahr zu Betroffenen machen würde. Ich werte dies als weiteren Beweis dafür, dass das Bewusstsein dafür, was Gewalt ist und wie oft Gewalt Frauen in frauenspezifischen Kontexten betrifft, kaum vorhanden ist. So auch unter den Frauen selbst, die mit ihren Traumata ein Leben lang still und leise leben. 

Monika Di Benedetto ist selbst auch Doula und führt den Verein Roses Revolution, der sich gegen die Gewalt in der Geburtshilfe einsetzt. Sie reagiert wenig überrascht, als ich ihr berichte, dass der Opfernhilfe kein einziger Fall der Gewalt unter der Geburt bekannt ist:

Über die Thematik von Gewalt in der Geburtshilfe wird erst seit kurzer Zeit vermehrt berichtet. Den Frauen ist nach wie vor nicht klar, dass das, was sie erleben, so nicht hätte passieren müssen und beispielsweise jede Intervention in dem Geburtsverlauf nachfolgend weitere Interventionen nach sich ziehen kann.

Monika di Benedetto

Deshalb brauche es Aufklärung über die normalen körperlichen und seelischen Prozesse rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Nur so könne mit der Zeit eine Veränderung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung passieren, so Di Benedetto.

Aber auch dem medizinischen Personal sei nicht immer klar, was Gewalt unter der Geburt eigentlich sei. “Es entsteht erst einmal eine Abwehrhaltung und Rechtfertigungsverhalten und es braucht die Bereitschaft das eigene Handeln zu reflektieren und die bestehenden Strukturen zu hinterfragen“, so Di Benedetto. Dabei seien oft gerade Hebammen oder andere Fachpersonen rund um die Geburt Zeuge oder unfreiwillige MittäterInnen und könnten so ebenfalls traumatisiert werden. Die Benedetto ist es wichtig, aufzuzeigen, dass vor allem strukturelle Probleme die Ursachen sind – und meist nicht der böse Wille einer Fachperson.

Die Benedetto sieht auch die spezielle Zeit nach der Geburt als Mitursache dafür, dass kaum eine Frau die Kapazitäten hat, traumatische Erfahrungen wirklich aufzuarbeiten oder sich bei der Opfernhilfe zu melden. “Die Frauen sind nach der Geburt nach wie vor in einer sensiblen Phase. Im Vordergrund steht erstmal das Zurechtkommen im Alltag und die Neuorientierung mit der neuen Lebenssituation. Neben Stillen, Schlafmangel und kräftezehrenden Alltag, fehlen häufig die Ressourcen für eine Auseinandersetzung oder gar einen Prozess gegen eine Klinik. Häufig kommt das Erlebte erst zu einem späteren Zeitpunkt – beispielsweise bei einer erneuten Schwangerschaft – wieder hoch und dann ist der Fokus darauf gerichtet, dass die erneute Geburt möglichst besser verläuft. Wir erleben es wenig, dass Frauen aktiv gegen jenen Ort vorgehen, wo Ihnen Gewalt widerfahren ist”, sagt Di Benedetto.

Auch ich beobachte ab und an, dass Frauen während der Geburt anders behandelt werden. Einerseits ist es während der Geburt oft sehr schwer für Frauen, sich und ihre Wünsche mitzuteilen. Andererseits kommt es aber auch immer wieder zu Situationen, in denen Frauen trotz klaren Aüsserungen nicht ernstgenommen werden. So hat mir eine Klientin erlaubt, an dieser Stelle zu erzählen, wie sie vehement sagte, kein zusätzliches Oxytocin verabreicht bekommen zu wollen. Die Hebamme hängte ihr die Infusion mit den Worten „Ja, ja. Das bekommen sie früher oder später sowieso“ an.

So viele Frauen machen im Rahmen medizinischer Untersuchungen oder Interventionen üble Erfahrungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die einzige Ursache dafür in den routinemässigen Abläufen der Medizin liegt. Es überrascht mich nicht, dass es in einem Umfeld, das sich auf Frauenkörper konzentriert und noch immer mehrheitlich in der Hand von Männern ist, geschlechterspezifische Gewalt häufig vorkommt. Vielmehr bin ich der Meinung, dass wir an den Nachwehen einer Zeit leiden, in der Frauen Hysterie diagnostiziert wurde, in der Gebärende in Rückenlage betäubt und ihre Kinder aus ihren Leibern gerissen wurden und in der Frauen niemals an Universitäten zu Ärztinnen ausgebildet wurden und Ärzten hörig zu begegnen hatten.

Und diesen Nachwehen sollten wir nun begegnen.

Wir müssen Stop sagen.

Explizit verlangen, dass Konsent eingeholt wird.

Wir müssen bei Unklarheiten nachfragen. Immer wieder. Bis wir es verstanden haben.

Und wir dürfen uns immer wehren.

Denn es ist immer unser Körper.

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